Farbe für die Seele

Körperbemalung von seelisch beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen Für Menschen, die sich durch schwere Schicksalsschläge, oder traumatische Erlebnisse in einer belasteten Haltung sich und dem eigenen Körper gegenüber befinden und/oder psychische Probleme mit sich tragen, gibt es verschiedene Möglichkeiten von Hilfe. Eine Möglichkeit ist die Körperbemalung.

Hintergund

Die Körperbemalung wurde schon vor Millionen von Jahren zur Unterstützung der eigenen Kräfte eingesetzt : als Schmuck, aber auch zur Stärkung der Gruppenzugehörigkeit, als Zeugnis über die soziale Position, das Alter oder die persönliche Entwicklung. Der Körper wurde als gerngesehenes Werkzeug und individuelle Ausdrucksform der vollkommenen Natur angenommen. In der uralten Kunst der Körperbemalung gibt es einen unfassbaren Reichtum an Formen, Farben, Materialien und Bedeutungen.

Dieses Annehmen des eigenen Körpers haben wir uns im Laufe der Menschheitsgeschichte abtrainiert. Auch der Umgang mit dem eigenen Körper, sowie der Umgang mit den Körpern von anderen Menschen hat sich in unserer „modernen“ Gesellschaft immer mehr zum Negativen entwickelt. Gesunder Respekt ist mittlerweile ein Fremdwort.

Modische Kleidung, Frisur und Schminke versuchen die Funktion einer Zugehörigkeit zu erfüllen. Auch belegen die immer größer werdenden Massen an tätowierten Menschen heutzutage den Reiz der Verwandlung, der Veränderung und das Bestreben, ein neues Ich zu erschaffen.

Da die Haut als letzte Grenze vom Ich zur Außenwelt gesehen wird, ist die Körperbemalung ein Mittel mit einer anderen „Hülle“ seine Identität nach außen zu tragen, zu zeigen und sogar eine Möglichkeit, eine neue Identität anzunehmen.

Es wird deutlich, was die Menschen schon immer suchten: in einer neuen Haut etwas Neues erleben! Dies macht die Arbeit mit Körperbemalungen möglich: sich mit Farben und Formen einmal anders anzusehen. Einen außergewöhnlich positiven, liebevollen Blick auf die eigene Körperlichkeit zu werfen. Die Freiheit zu bekommen, sich zu verändern und dies in kürzester Zeit auch wieder rückgängig machen zu dürfen.

Ziel

Das Ziel meiner Arbeit mit der Körperbemalung ist der Abbau von Kontaktscheu und das Wiederfinden einer gesunden Haltung sich selbst, sowie dem eigenen Körper gegenüber: einen Blick für sich selbst zu bekommen. Dies geschieht hier mit Hilfe eines Instrumentes, einem „Mittler“: dem Pinsel und der Farbe. Eine unmittelbares „Anfassen“ der Personen ist hier nicht notwenig, was ein großer Vorteil bei Menschen ist, die sich aus Angst von niemanden berühren lassen.

Gerade bei der Körperbemalung seelisch belasteter Menschen, besonders bei magersüchtigen Mädchen und Frauen, zeigt diese Methode meiner eigenen Erfahrung nach außergewöhnlich positive Entwicklungen. Es ist möglich, die teilweise nicht vorhandene Beziehung zu sich und dem eigenen Körper mit dieser Methode wieder herzustellen. Es liegt nahe, dass mit diesem Grundstein langfristig auch wieder Beziehungen zu anderen Menschen möglich werden (Freundschaften, Partnerschaften, Beziehung zu Eltern, Kindern u.s.w).

Durch traumatische Erlebnisse kann es geschehen, dass sich die Psyche vom Körper entfernt. Über positive Wertschätzung kommt ein Mensch zur Selbstliebe und so ist es der Psyche möglich, wieder an den Körper anzuknüpfen.

Meiner Erfahrung nach verbindet die Körperbemalung die Psyche wieder mit dem Körper. Nur wenn man sich selbst wahrnimmt, sich die Möglichkeit gibt, sich selbst anzusehen, ist es möglich, auch andere wahrzunehmen.

Vorgehensweise 1.

Zur Vorbereitung eignet sich ganz besonders die Shiatsu-Massage. Hier müssen die Kleidungsstücke nicht abgelegt werden, man arbeitet auf dem Boden. Da die Shiatsu-Massage eine Finger- Druck- Massage ist, wird der Mensch an seine Zeit im Mutterleib erinnert. Der Druck, der dort durch das Fruchtwasser auf den kleinen Körper ausgeübt wurde, kann damit in Erinnerung gerufen werden. Hier werden echte Parallelen zum „grenzen- und haltlosen“ Verhalten von Kindern und Jugendlichen sichtbar: Wenn einem Baby die Erfahrung fehlt, nach der Embryonalen-Phase (also als Säugling) gehalten, und liebevoll gedrückt worden zu sein, suchen sich die Kinder später Situationen, in denen sie ihren Körper spüren. Im Extrem äußert sich dieser Mangel in aggressiven, depressiven oder selbstverletzenden Tendenzen.

Vorgehensweise 2

Falls eine Massage unerwünscht ist, kann auch folgendermaßen vorgegangen werden: Begonnen wird mit dem Vertrauensaufbau der jeweiligen Personen. Dies geschieht in Gesprächen und durch die Fähigkeit eines echtes Verständnisses für ihre Situation. Die Dauer eines solchen Verstrauensaufbaus dauert hier in der Regel nur kurze Zeit, da sich der Zugang über Malerei, Körperbemalungen, Kunst und Geschichte sehr einfach gestaltet. Eine Anamnese kann hier beiläufig und somit in völliger Freiheit geschehen. Die Gespräche sind also nicht einseitige Frage und Antwort- Gespräche, sondern beziehen sich auf die mit der Tätigkeit entstehenden Themen. Dort, wo Psychotherapie und Körpertherapie zusammenkommen, setzt die Körperbemalung an. Gerade Menschen, die traumatische Erlebnisse zu tragen haben, sind besonders sensibel. Hier dürfen auf keinen Fall Übergriffe stattfinden. Wo und wie gemalt wird, muss ständig neu abgesteckt werden. Die Professionalität dieser Arbeit zeigt sich in solchen Situationen.

Einen Teil seiner selbst bemalen zu lassen, bedeutet hier auch, eine Teil von sich zu zeigen. Die Motive und Symbole, die bei der Körperbemalung verwendet werden, sind frei wählbar. Somit kann der „Bemalte“ sich selbst aussuchen, mit welchen Farbzusammenstellungen und Formen er verschönert werden möchte. Mit der Zeit entsteht eine Sicherheit, sich zeigen zu dürfen, es wird ein Boden bereitet, auf dem er also seine Gedanken und Wünsche äußern darf. Es entsteht eine Verbindung über den Körper zur Seele, die sich hier durch die Sprache der Farben äußern lernt. Die Arbeit mit Symbolik von Formen und Farben unter Berücksichtigung der Nervenbahn-Verläufe, Meridiane und Energie-Zentren ist im Teil II „Farbe für die Seele“ beschrieben. Auch kann der Wunsch entstehen, sich gegenseitig anzumalen. Dies ist bereits ein wichtiger Schritt, eine Beziehung zu sich selbst und zu anderen aufzubauen.

Damit die Wirkung einer solchen Sitzung noch nachschwingt, ist es angebracht, auch fotographische Aufnahmen zu erstellen, die sich als Erinnerung eignen und der Person die eigene Schönheit bewusst macht. Hier ganz deutlich: wir sehen uns an, wir reflektieren über uns. Zeitlich kann solch eine Maßnahme als Workshop stattfinden, oder in dauerhaft regelmäßigen Abständen , wobei die letzte Variante echte Fortschritte eher möglich macht.

Ästhetik

Wichtig ist, dass es bei der Bemalung ästhetisch bleibt- auf keinen Fall darf diese Malerei zum „Bodypainting“ im üblichen Sinne werden. Ich möchte ich hier kurz erläutern, wo sich meine Grenze der Ästhetik befindet: Kunst und Ästhetik liegen für mich eng beieinander. Alles, was den Menschen erhebt, ihn beschwingt und freudig stimmt, ist für mich Kunst. Alles was den Menschen seelisch trägt, ihn stärkt, gehört für mich ebenso dazu.

Barbusige Körperbemalung vermeide ich grundsätzlich, sowie völlig nacktes Bemalen, malen von Monstern und Bildern von Gewalt. Auch wenn jeder menschliche Körper an sich die Schönheit der Natur widerspiegelt, liegt für mich bei der Arbeit mit seelisch Beeinträchtigten hier die Grenze der Ästhetik. Seine Intimität zu wahren und die Schönheit hervorzuheben ist meiner Ansicht nach in diesem Bereich sehr wichtig, wenn man eine Beziehung zu sich selbst erhalten möchte. Hier sei noch einmal die Sensibilität für Übergriffigkeit erwähnt.

Gerade bei Jugendlichen sehe ich aus meiner Erfahrung heraus, dass ihre enorme Kraft und der Wille, in der Welt etwas zu bewegen mit Körperbemalungen die Möglichkeit zulässt, diesen jugendlichen Schwung und die dahinterstehende Kraft in ihnen zu bündeln, sowie in eine liebevolle, gesunde und menschliche Richtung zu lenken. Wir brauchen in unserer Gesellschaft die Kraft und die Ideen gerade auch der jungen Menschen. Also ist es wichtig, Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich wiederzufinden und Ihre Kräfte kennen und lenken zu lernen.

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